Nordstern

Ardy K. Myrne

Ich komme aus dem Süden. Wo die
Sonne untergeht. Seit langem schon liegt das rote Licht auf dem Land und wirft
lange Schatten. Nichts tritt mehr aus diesen Schatten hervor, nichts wächst
hier.

Noch finde ich einen Platz im Licht, doch die Nacht kommt. Bevor sie kommt, breche ich auf.

Ich folge dem Nordstern, folge ihm durch die wandernden Schatten, Hunger und Leere. Viele Spuren liegen auf meinem Weg und viele folgen mir. Mein Weg endet am Meer. Lange stehe ich in der Brandung aus Salz und Schaum, stehe und starre zum Nordstern. So fern und voller Glanz steht er am Firmament, leuchtend und lockend.

Ich wage es und schwimme,
fliehe vor der Nacht über die schwarzen Tiefen.

Im Licht des Nordens erreiche
ich das Ufer. Das Licht scheint, grell und hell, doch es ist kalt. Hier kann
ich nicht bleiben. Hier gibt es keinen Platz für mich. Ich bin so weit fort,
dass jeder Herzschlag nur aus dem Drang entsteht, weiterzuziehen. So ziehe ich,
dem Nordstern nach, wo es keine Schatten gibt und es noch viel kälter wird.

Beißend peitscht der Wind an
meinen Beinen hinauf, frisst an meinen Fingern und an meiner Nase. Hier ist es
so hell, dass ich den Nordstern nicht mehr sehen kann, mir nur einen Moment die
alten Schatten wünsche, um auszuruhen.

Mein Herzschlag trägt mich
fort, trägt mich durch das gefrorene Licht. Und dort am tiefen Horizont sehe
ich den Nordstern, wartend.

Meine Glieder sind taub, mein
Geist leer. Ich strebe ohne zu hoffen. Der Nordstern versinkt und mit ihm das
kalte Licht. Die Nacht hat sich im Eiswind verborgen und mich eingeholt.

Ich stolpere durch das Dunkel
und springe, dem Nordstern nach in die ewige Nacht.

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