Hinter der Tür

Ich höre die Schritte auf den Stufen. Sie kommen näher, steigen hinauf. Ihr Tritt klingt nicht hektisch, aber unbeirrbar.
Ich stehe im Halbschatten des Flures und sehe, dass die Haustür offen ist. Angst greift kalt nach meinem Nacken, zwingt ihn wie ein Schraubstock. Ich halte den Atem an und hoffe, dass meine schleichenden Schritte kein Geräusch machen, während ich auf die angelehnte Tür zusteuere. Meine Hände zittern, ein feuchter Film legt sich auf meine Haut.
Es darf mich nicht hören. Es darf nicht wissen, dass ich fast vor der Tür stehe.
Die Schritte klingen lauter, so verdammt nah. Mein Herz schlägt wild, und ich verharre lauschend. Gibt es noch einen Treppenabsatz zwischen uns? Ich weiß, es ist verschlagen. Manchmal tritt es auf der Stelle, um mich zu täuschen.
Ich befreie mich aus meiner Starre und mache einen Satz an die Tür. Ich sehe im Augenwinkel seinen Arm, der sich nach der Tür ausstreckt, so wie meiner. Ich werfe mich mit aller Macht gegen die Tür, doch sie fällt nicht ins Schloss.
Sie fällt niemals ins Schloss.

Ich schrecke auf wie ein Ertrinkender aus einem Eismeer. Japsend hole ich Luft. Die Nacht legt sich kalt über den Schweiß auf meinem Körper, und ich reiße mir zitternd das nasse Shirt vom Leib.
Ich lausche in die Nacht hinein, doch da sind nur die Vorhänge, mit denen der Wind spielt.
Diese verdammte Tür.
Ich stehe auf und schleiche durch das Halbdunkel meines Heimes.
Wenn ich einmal wach bin, kann ich auch nach den Mädchen sehen. Inas Zimmertür ist geschlossen, wie erwartet. Sachte drücke ich die Klinke und sehe, dass sie auf der Couch sitzt, so, wie ich sie zurückgelassen habe.
Ich lächle erleichtert und schließe die Tür ohne einen unnötigen Laut.

Ich durchquere die Stube und starre auf die geschlossene Wohnungstür vor mir. Links daneben ist Babettes Zimmer, doch mein Blick bleibt am Eingang meines Refugiums hängen. In der nächtlichen Schwärze gleiten meine Finger über das Türblatt. Über die drei Türketten, über den zweimal gedrehten Schlüssel im Schloss.
Verdammte Tür. Verschlossen. Verriegelt.
Ich seufze erleichtert und greife nach der Klinke zu Babettes Reich.
Der Mond scheint direkt auf das schmale Bett, auf dem sie liegt. Ihre Haut sieht wunderschön im Mondlicht aus. Und wie schön sind erst ihre grauen, trüben Augen, die ihren Blick nicht mehr von mir wenden!
Nur schwer kann ich mich von ihnen lösen und schließe die Tür.
Noch einen Moment bleibe ich an der Wohnungstür stehen. Im Hausflur höre ich die heulende Zugluft, dann gehe ich wieder schlafen.

„Herr Malchow!“
Jemand hämmert mehrmals gegen meine Tür. „Herr Malchow!“
Drei weitere heftige Schläge, dann bin ich auf den Beinen und greife nach dem Messer.
„Herr Malchow, so geht das nicht, hören Sie? Hören Sie mich? Ich weiß, dass Sie da sind!“
Er wird nicht aufhören, ich weiß es.
Die Ketten der Vorhängeschlösser zittern unter den Faustschlägen meines Nachbarn. Ich schiebe sie zurück und schließe die Tür auf, verberge das Messer hinter meinem Rücken, während ich in den Türspalt trete.
„Herr –“
Er erschrickt und ich sehe ihn stumm an.
Er tritt von der Tür zurück und vermeidet es, mich direkt anzusehen. „Das geht so nicht“, wiederholt er in einem ruhigeren Ton. „Wenn Sie nichts gegen den Gestank tun, komme ich mit der Polizei wieder.“
Er wartet nicht auf eine Reaktion von mir, sondern stapft kopfschüttelnd die Treppe hinunter.
Er hat gerade meine Mädchen beleidigt.
Mit verächtlichem Blick sehe ich ihm nach.
Noch gehören sie mir. Mir allein.
Ich schließe die Tür und lege einen Riegel vor den anderen.

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