Wolfstraum

WOLFSTRAUM, Ardy K. Myrne

Das kniehohe Gras auf den Hügeln wogte und rauschte wie ein grünes Meer unter der leichten Sommerbrise. Die Sonne stand hoch am Himmel und versetzte allem einen leicht goldenen Schimmer.
Er breitete die Arme aus und hob sein Gesicht zum Himmel, genoss die Wärme auf seinem Gesicht und das Rot hinter seinen Lidern. Der Wind spielte mit seinem Haar und versetzte es mit dem Duft von Gras und Sommerheide.
Neben sich hörte er die Mädchen lachen. Sie sprangen in ihren kurzen luftigen Kleidern durch das Gras und pflückten Wiesenschaum, Dotterblumen und Feuerkraut, um sich Kränze daraus zu flechten. Auf dem Kamm unter dem knorrigen Apfelbaum breiteten sie eine Picknickdecke aus, packten kalte Hühnerbeine und Obst in Schalen und stellten den Apfelwein in den Schatten des Baumes.
Leicht und frei spürte er sein Herz schlagen. Das Klopfen in seiner Brust klang wie das Echo der Mädchenstimmen, das Trappeln ihrer Füße, während sie um den Baum tanzten.
Von irgendwo schallte das Klirren von Ketten.
Er stutzte kurz, doch sie winkten ihm zu, winkten ihn zu sich. Er lächelte und schlenderte den Hügel hinauf.
Marina mit dem blonden Haar reichte ihm süßen Apfelwein, fast so süß wie ihre Lippen. Die dralle Hannah reichte ihm ein knuspriges Hühnerbein. Das kalte Fleisch war zart und saftig, so wie er es mochte. Nissa mit dem schwarzen Haar hielt einen Apfel in ihren Händen. Als er danach greifen wollte, verbarg sie ihn hinter ihrem Rücken, beugte sich vor und küsste ihn sanft auf die Wange.
Wieder leises Kettenklirren.
Nissa wich einen Schritt von ihm und schaute verschämt zu Boden. Er stand auf, trat zu ihr und hob sanft ihr Kinn. Gequält wich sie seinem Blick aus. Dicke Tränen liefen an ihren Wangen hinab, benetzten seine Finger.
Als er ihre Tränen wegwischen wollte, stieß sie ihn fort, und da wo ihre Hand ihn berührte, färbte sich sein Hemd rot. Ein blutiger Handabdruck prangte über seiner linken Brust. Nissas Hände tropften, in ihrem Griff zappelte etwas. Ihre zarten Finger krallten sich hinein, quetschten das glitschige Fleisch und ließen den zuckenden Klumpen zu Boden fallen.
Blut sickerte über seine Lippen, und er ging in die Knie.
Er sah, wie Marinas Feuerblütenkranz auf ihrer Stirn schmolz und ihr Haar verbrannte. Sie schrie und riss sich den blutigen Skalp vom Kopf.
Er selbst wollte schreien, doch Hannah zog ihm wutentbrannt ein Schälmesser über die Kehle, und er fiel den Hügel hinab.
Dort, wo er den Boden berührte, färbte sich das Gras schwarz.

Er erwachte mit dem Geschmack von Blut im Mund. Als er sich benommen schüttelte, schepperten die Ketten, die an seine Handgelenke geschmiedet waren so unerträglich laut, dass er aufschrak. In einem scharfen Streifen durchschnitt der Schein des Vollmonds sein Verlies und blendete ihn. Dann sah er das schwarze struppige Haar auf seinen Unterarmen, wie es dichter und dichter wurde, und jede Pore seines Körpers überwucherte. Klauen wuchsen aus seinen Händen, und seine Schreie erstickten in einem Jaulen.

„Wach endlich auf!“, rief sein Bruder und boxte ihm in die Seite. „Du weißt doch, heute Abend ist Maimond, da brauchen wir jede helfende Hand für das Fest. Steh endlich auf, du müder Faulpelz!“
Tristan knurrte. Er hatte sich auf die Zunge gebissen.
Eine Weile saß er noch auf dem Bettrand, schmeckte das kupfrige Salz und dachte an Nissa.

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Groth
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Groth

Das ist wirklich was schön düsteres…gefällt mir sehr.